Ort:
Bürgerhaus Weserterrassen, Osterdeich 70 b, Bremen
Die Einkommen in der Klassengesellschaft
Referent: Freerk Huisken, Universität Bremen
Gestern durfte der kleine Mann zusammen mit Frau Merkel „verständnislos“ bezweifeln, dass Bankmanager ihre exorbitanten Boni verdienen, wenn die grade den gigantischen „Misserfolg“ einer Finanzkrise hingelegt haben; heute darf man sich mit Herrn Westerwelle über den „anstrengungslosen Wohlstand“ von HartzIV-Beziehern erregen, der Deutschland in „Dekadenz“ versinken lasse. Verständnislose bis hirnrissige Zweifel, ob dieses oder jenes Einkommen eigentlich berechtigt sei, gehören wohl zur geistigen Volksernährung in der Klassengesellschaft. Sie gehen gründlich an jeder Klärung der Frage vorbei, warum wer wie viel in ihr verdient.
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Die Frage nach dem Einkommen ist in der Marktwirtschaft existentiell. Wie viel Geld ein Wirtschaftsbürger für wie viel Arbeitsaufwand heim trägt, entscheidet über sein Leben; darüber nämlich, ob ihm die Güter des täglichen Bedarfs sowie des Genusses in ausreichender Menge und Qualität zugänglich sind, und ob die für deren Beschaffung erforderliche Arbeit auch noch Lebenszeit und Lebenskraft für Genuss und die Entwicklung freier Interessen übrig lässt.
Jeder weiß, dass die Einkommen in der Marktwirtschaft krass verschieden ausfallen: Vom Null-Einkommen der Arbeitslosen reichen sie über Hungerlöhne im wachsenden Niedriglohnsektor, über schmale, mittlere und bessere Arbeitslöhne, zu Beamten- und Politikergehältern; unter den Selbstständigen gibt es noch einmal die weite Spanne vom Elend der Ich-AGs und der kleinen Handwerker bis zu den ein- und zweistelligen Millionenbeträgen der Manager; ganz zu schweigen von den Besitzern wirklich großer Vermögen, Ländereien und Industriebeteiligungen. Das steile Gefälle gibt zu denken.